Wie jedes Jahr im August, fand auch in diesem Jahr in Berlin die Hanfparade, die zentrale bundesweite Demonstration für die Legalisierung von Cannabis statt.  Ohne konkrete Teilnehmerzahlen zu diskutieren, die diesmal zwischen vier- und achttausend angegeben wurden, es waren jedenfalls keine fünzigtausend. Es war keine Massendemonstration. Es war keine Machtdemonstration von Verbrauchern und Wählern.

Angesichts von Millionen Bürgern, denen durch die Verfassung garantierte Grundrechte vorenthalten werden und die von Strafverfolgung und oft existenzgefähredendem Führerscheinentzung bedroht sind, angesichts hunderttausender unterversorgter Patienten, muss das eigentlich wundern.  Auch in unseren Club kommt jährlich die Frage auf, fahren wir zur Hanfparade, wer würde mitkommen. Einige finden sich immer, selten viele.

Die Hanfparade war auch in diesem Jahr keine Massendemonstration von Betroffenen, die unsere Wut zum Ausdruck gebracht hätte über den ungerecht(fertigt)en und oft existenzvernichtenden und sogar tödlichen „Krieg gegen Drogen“, der in Wahrheit ein Krieg gegen uns ist. Keine Machtdemonstration die Politikern und Entscheidern den Weg gewiesen hätte. Die Hanfparade ist ein gut gelauntes Happening, ein buntes come together der Legalisierungsszene das nebenbei bunte Bilder für die Medien produziert. Und das ist immer zeitgemäß.

Wenn es aber nicht in unserer Macht steht die Legalisierung auf der Straße zu erzwingen und es uns in Jahrzehnten immer noch nicht gelungen ist eine Mehrheit von der Vernunft zu überzeugen, was dann noch tun? Weiter wie bisher? Aufgeben? Erst mal Modellprojekte?

Der Vorsitzende des Cannabis Social Club Hamburg, Andreas Gerhold war in diesem Jahr als Redner eingeladen, hat diese Fragen gestellt und sich an Antworten versucht.

Fotos: H. v. Schimmer, Link unten

 

Rede Hanfparade 2019, Andreas Gerhold

Ave Maria Johanna! Wir preisen deine entspannende, deine anregende, deine lindernde und heilende Wiiiiiirkuuung!
Wir glauben an deine Rehabilitation, an unsere bürgerlichen Freiheiten und unsere EI-genverantwortuuung!

Haleluja! Liebe Gemeinde.

Manchmal komme ich mir vor wie Teil einer Sekte. Dabei haben wir die wissenschaftlich belegten, vernünftigen Argumente, während die Prohibitionisten sich allein an ihren Glauben klammern müssen. Seit Jahrzehnten kommen wir Jahr für Jahr hier in Berlin zusammen, um unsere Rechte zu fordern. Um zu fordern nicht mehr kriminalisiert und bestraft zu werden für einen eigenverantwortlichen Genuss, durch den kein Dritter Schaden nimmt. Seit Jahrzehnten fordern wir, dass der Staat uns und unsere Kinder schützt. Wir fordern Jugend und Verbraucherschutz. UND wir fordern eine angemessene Versorgung von kranken Menschen mit Cannabis als Medizin.

Und was haben wir bekommen?! Etwas mehr als nix. Immerhin. Aber lohnt es sich weiter zu demonstrieren? Hanfparaden, Marijuana Marches,  Hanftage und Weed Weeks zu organisieren? Vorträge zu halten, auf Podien zu diskutieren, Artikel zu schreiben und sich immer weiter gegen immer gleiche unhaltbare Scheinargumente den Mund fusselig zu reden?

Oder sollen wir aufgeben? Uns zufrieden geben mit geringen Mengen, Einstellungen für „Ersttäter“ gegen Strafgeld und Führerscheinentzug? Uns zufrieden geben mit der Möglichkeit zu x Ärzten zu laufen, bis einer endlich bereit ist, uns unser Medikament zu verschreiben oder damit auf Privatrezept die sprichwörtlichen Apothekenpreise zu zahlen?

Oder kommt die Legalisierung vielleicht von allein? Wird sie uns von den Grünen mit dem „Cannabis Kontrollgesetz“ oder der FDP mit Modellprojekten und Apothekenabgabe hinterher getragen und auf dem Silbertablett serviert? Oder wird sie uns von der Wirtschaft gebracht? Von us-amerikanischen und kanadischen Konzernen, die Blut geleckt und uns als Billion Dollar Markt entdeckt haben.

All das sicher nicht. Die Legalisierung kommt. Und zwar bald, davon bin ich überzeugt. Aber nicht von allein. Auch wenn wir mit unseren Paraden und Info-Veranstaltungen vielleicht nicht mehr der Motor sind. Auch wenn das Rad vor allem von großen Konzernen gedreht wird, ist für uns die Zeit sich zurückzulehnen noch lange nicht gekommen. Money makes the world go round and cannabis legal. Aber der Markt allein wird es sicher nicht richten.  Wir müssen weiterhin unsere eigene Lobby sein.

Unsere Aufgabe ist es jetzt unsere Verbraucherrechte in einer kommenden Legalisierung und Marktregulierung zu wahren und einzubringen. DAS – werden die Konzerne nicht für uns erledigen. Die Wirtschaft war und ist der Motor der Liberalisierung in den USA und Kanada und wird es auch in Deutschland sein. Unsere Aufgabe muss es jetzt sein, die Wirtschaft vor unseren Karren zu spannen. Wir sollten ihnen also durchaus ihre Möglichkeiten zum Profit aufzeigen, damit die Wirtschaftslobby Druck auf Entscheider macht. ABER dabei müssen wir aufpassen, dass unsere Nutzerinteressen nicht den Wirtschaftsinteressen geopfert werden, z.B. durch eine Legalisierung ohne Eigenanbaumöglichkeiten.

Und auch die Politiker werden wir weiterhin zum Jagen tragen müssen. Leere Versprechungen und große Ankündigungen haben wir schon oft gehört. Wir sollten uns deshalb aber langsam abgewöhnen JEDEN Vorstoß unkritisch zu beklatschen. Wir müssen aufpassen wie die Schießhunde, dass uns nicht Faule Eier als Kompromiss oder erster Schritt untergejubelt werden. Erste Schritte sind gut. Kompromisse sind notwendig. Das Cannabis-Medizingesetz von 2017 ist ein erster Schritt. Auch wenn es letztendlich der Verhinderung von Eigenanbau dienen sollte. Auch wenn es noch viel Verbesserungsbedarf gibt, vor allem bezüglich der sicheren Versorgung.

Eine Eigenanbaumöglichkeit von 5 Pflanzen pro Person, macht zwar überhaupt keinen Sinn, wäre aber ein erster Schritt – oder sogar ein Kompromiss mit dem ich leben könnte. Eine Regulierung, die allein Industrieprodukte zulässt und uns weiterhin den Eigenanbau verbietet wäre ein faules Ei. Modellprojekte für Abgabestellen, womöglich über Apotheken, mit wenigen tausend Probanden, die trotzdem als Ziel nennen den Schwarzmarkt zu schwächen, die sich mit Konzept-Erstellung, Antragsverfahren, möglicherweise Klage gegen eine Ablehnung und der eigentlichen Laufzeit plus Zeit für Auswertung und anschließender Debatte über Jahre hinziehen, in denen wir unsere Forderungen dann zurückstellen sollen: DAS sind faule Eier!

Solche Modellprojekte sind faule Eier! Und Politiker, die uns nix anderes anzubieten haben als das phrasenhafte Repetieren unserer uralten Argumente, als hätten sie eine Erleuchtung gehabt und denen nix anderes einfällt als Modellprojekte, Apothekenabgabe und gängelnde Kontrolle, denen müssen wir immer noch auf die Sprünge helfen statt ihre Selbstgefälligkeit blind zu beklatschen.

Was also tun? Auf eigene Lobbyarbeit können wir nicht verzichten. Das heißt vor allem Aufklärung der Öffentlichkeit und Entscheidungsträger, also der Politiker, um eine parlamentarische Mehrheit herbeizuführen. Die Lobbyarbeit sollte sich m.E. aber auch vermehrt auf die Wirtschaft richten, damit die wiederum Lobbyarbeit für die Cannabisregulierung macht. Aber wir können auch nicht mehr nur abwarten und uns den Mund fusselig reden, kilometerweit maschieren und uns allein darum kümmern welche Probleme ANDERE mit uns und unserem Lebensstil und unseren Medikamenten haben.

Unser Cannabis Social Club Hamburg ist ganz klar eine Lobbyorganisation der Cannabis-Nutzer. Wir organisieren Informationsveranstaltungen, lassen uns zu Diskussionen einladen, beraten Medien und Politiker, u.s.w. / usf.. Wir leisten aber auch praktischen Widerstand! Aus Notwehr. Wir leiden , wie wir alle, gleichzeitig unter Verfolgung und unter unzureichendem Schutz, z.B. vor verunreinigter Ware mit der wir unsere Gesundheit gefährden.

Und dagegen müssen wir uns auch aktiv wehren und uns selbst helfen. Für uns heißt das Eigenanbau und Schaffung von kollektiven Selbstversorgungsstrukturen. Kein Mitglied unseres Clubs soll mehr darauf angewiesen im Park oder an dunklen Ecken uneinschätzbare Ware von Fremden kaufen zu müssen.

Und genau dazu wollen wir auch euch raten, lasst uns massenhaft Fakten schaffen die sich nicht zurück drehen lassen:

– Wehrt euch aktiv gegen euren Notstand
– Leistet Notwehr und solidarische Nothilfe
– Schafft euch kollektive Selbstversorgungsstrukturen
– Bildet Banden – Gründet CSCs (mit oder ohne e.V. )

Come together! Grow together!

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit.

[Die Rede wurde (großenteils) frei gehalten und weicht im Detail vom Manuskript ab)

Mehr Fotos der Hanfparade von Heinrich von Schimmer hier.
Oder auf facebook hier.

Redner Andreas Gerhold im Portrait

Ein Kommentar

  1. 1

    Ahoi.
    Kann ich so unterschreiben.

    Und noch etwas eigenen Senf hinzufügen:
    https://selbsthilfenetzwerk-cannabis-medizin.de/treffende-geschichte-vom-goldesel-gesetz

Was denkst du?