Allgemein

Wovon träumen Kiffer an Ostern?

8. April 2023

Ich liege auf der Reichstagswiese, die Sonne scheint. Um mich herum lauter fröhliche Menschen und ich bin breit. Also richtig breit. Alle sind breit. Über der Wiese hängen dicke Dampfschwaden, aus dem Soundsystem klingt Rio, der zu Reggae-Rhythmen singt “Ich hab geträumt, der Krieg ist vorbei…”.  Die Menschen chillen, tollen herum, tanzen und singen. Doch dann kommt Unruhe auf. Die Menge richtet ihre Blicke gen Reichstag.

Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein: Wir haben den 20.04.: 420-Day. Aber welches Jahr, verdammt? Egal, Karl Lauterbach will endlich den Gesetzentwurf zur Legalisierung vorlegen!

 

“Noch vor Weihnachten”, “im ersten Quartal, also Ende des Quartals”, “vor Ostern, “nach Ostern”, “noch im April”, “vor der Sommerpause”, “nach der Sommerpause”, “noch vor Weihnachten”, “in Kürze”

 

Was haben wir nicht alles schon gehört. Und immer, wirklich immer gab es gute Signale aus Brüssel.

Aber heute, heute soll es wirklich so weit sein. Also, eben gerade, um 4:20h, sollte es soweit gewesen sein. Doch Karl verspätet sich offenbar schon wieder. Pfiffe werden hörbar, Sprechchöre rufen nach Karl. Nach endlosen vier Minuten und zwanzig Sekunden tritt Karl dann zögerlich auf den Balkon des Reichstags und winkt verhuscht der Menge. 

Balkon am Reichstag? Seit wann, hat …? Ach egal, ich bin hackedicht und außerdem ist das ein Traum. “Konzentrier dich, Junge und hör zu…“, sage ich mir mit ernster innerer Stimme. „Jetzt wird’s spannend!”. Doch noch bevor ich den Balkon verdaut und mich wieder gesammelt habe, bohrt sich mit Wucht ein Ellenbogen in meine Rippen und ich schaue in ein Paar strahlend blaue Augen. “Na, hab’ ich’s nicht gesagt?” fragt mich die blonde junge Frau mit dem erfrischendsten Lachen, das man sich nur vorstellen kann. “Karl hält Wort!” sagt sie und lässt eine gewichtige Pause. “Gesetzentwurf kommt.”. „Zweiteilig!“ ergänzt der ältere Herr im lila Kapuzenshirt an ihrer Seite, begleitet von energischen Bewegungen des ausgestreckten Zeigefingers, “Eigenanbau und CSC jetzt – der Rest später.”. “Abwarten,” grummel ich, “wir werden sehen, Dirk. Moin Carmen!”

Karl tritt ans Mikrophon und räuspert sich, was die PA mit einer kreischenden Rückkopplung und die Menge mit lautem Johlen beantworten. “Äh, ja, also…” beginnt Lauterbach, “Hallo Freunde“… was wiederum mit Gejohle und Gelächter honoriert wird.  “Also zur Cannabis Legalisierung, das ist wie Sie wissen, also ein hochkomplexes Gesetzesvorhaben, haben wir einen Vorschlag – also einen, wie ich meine, sehr guten Vorschlag – der Gesundheitsschutz, und natürlich also auch Jugendschutz, wofür wir sehr gute Signale aus Brüssel erhalten – also für Gesundheits- und Jugendschutz- wofür wir die Eckpunkte noch mal angepasst haben, die ich in Kürze vorstellen werde.” nuschelt Lauterbach immer leiser.

Die Menge ist verstummt, man sieht fallende Unterkiefer, aufgerissene Augen, die Ungläubigkeit liegt in der Luft, das allgemeine Entsetzen lässt sich fast mit Händen greifen. In der Stille hört man Krähen unheilvoll krächzen, aus der Ferne schwingt noch Rio herüber, der jetzt singt  “Der Traum ist aus. Zu dieser Zeit. Aber wir werden alles geben…”. Nur Carmen, Carmen strahlt immer noch. 

 

Ein erneutes Räuspern von Karl mit kurzem Feedback der PA bricht die Stille: “Ja, also zur Cannabisleg – Sie müssen Bedenken, das ist ein sehr komplexes, also da sind allein 78 Ministerien, da kann es schon mal zu Verzögerungen kommen, das ist ganz normal…..aaaber wir sind auf einem guten Weg und bekommen gute Signale, also auch aus Brüssel, für unsere sehr guten, und wie ich meine sehr guten Vorschlag, den ich aus terminlichen Gründen, also aus rein terminlichen, da gibt es keinen Raum für Speku…GesundJugenichmeinealsovorschlannabisalsoalsoalsoalsoiKürzeinKürzeinKürze…”

Mir dröhnt der Schädel, ich bin mir nicht sicher, ob Karl wirklich so nuschelt, ob ich gerade in Trance falle oder wach werde. Ich öffne die Augen, weiß es ist Ostersonntag 2023 und Karl will “unmittelbar nach Ostern“ den Gesetzentwurf vorstellen.

“Guten Morgen”, sagt Karl, der im Hasenkostüm auf meiner Bettkante sitzt und mir einen Korb mit Überraschungseiern reicht.

Frohe Ostern! Was oder wen auch immer ihr feiert.

0 likes

Author

Andreas Gerhold

Your email address will not be published.